EM 2021: Titel für die deutschen Herren



Cluj-Napoca. Auch ohne Dimitrij Ovtcharov und Timo Boll sind sie die Nummer eins in Europa: Deutschlands Herren haben bei der EM der Überraschungen im rumänischen Cluj-Napoca den Titel gewonnen. Patrick Franziska, Benedikt Duda und Dang Qiu, unterstützt von Ruwen Filus und Kay Stumper auf der Bank, haben Underdog Russland in einem Wechselbad der Gefühle beim Endspiel mit 3:1 besiegt. Diese Partie hätte auch ganz anders ausgehen können.

Doch zunächst zur Statistik: Für die DTTB-Herren ist es das neunte Team-Gold in der EM-Historie seit 1958 und das 50. für Deutschland insgesamt. Einen Mannschaftstitel bei Herren und Damen im selben Turnier zu gewinnen, war der DTTB-Auswahl bereits im Jahr 2013 im österreichischen Schwechat gelungen. Zuvor hatte nur Ungarn dieses Kunststück der Ausgeglichenheit bei Männern und Frauen geschafft, 1960, 1978 und 1982. Für den DTTB ist es ein erfolgreiches Jahr wie nie zuvor auf kontinentaler Ebene, wie DTTB-Präsident Michael Geiger betont: „Wir haben eine sehr große Breite in der Spitze, was auch an der Anzahl der gewonnenen Titel auf europäischer Ebene in diesem Jahr feststellen kann. Mit den vier Titeln bei der Individual-EM, den beiden Erfolgen vor zwei Wochen beim Europe Top 16 und nun den beiden Mannschaftstiteln haben haben wir acht von neun möglichen Titel gewonnen, auch mit unterschiedlichen Spielern. Das zeigt, welche Stellung wir in Europa haben. Das ist herausragend, was von unseren Spielern, den Trainern und dem Team um dem Team herum geleistet wurde. Wenn ich dann noch Silber und Bronze bei den Olympischen Spielen dazu nehme, lässt mich das sehr gespannt auf die WM Ende November in Houston blicken.“

Dudas Auftaktniederlage

Ein Event-Fan giert ja danach, bei historischen Momenten ein kleiner Teil der großen Geschichte zu sein. Als Sportler will man das nicht, wenn man auf der anderen Seite steht. Und so klang der Jubel von Bundestrainer Jörg Roßkopf, Assistent Lars Hielscher sowie den Spielern Duda, Filus und Stumper an der Box nach dem Sieg von Patrick Franziska beim 3:2 über Lev Katsman so laut, so erleichtert und gleichzeitig so bestimmt wie der eines Team, das soeben die Wende eingeläutet hatte. Und die war zu diesem Zeitpunkt, am Ende des zweiten Einzels, auch bitter nötig.

Dabei hatte gegen das Überraschungsteam dieser EM alles so wunderbar für die an Position eins gesetzten Deutschen begonnen. Benedikt Duda hatte Maksim Grebnev zwei Sätze lang regelrecht abgefertigt, bevor der 19-jährige amtierende Doppel-Europameister aufdrehte, und dem Deutschen Einzel-Meister die Partie noch entglitt. Der Bergneustädter: Es war natürlich toll, in einem Finale zu spielen. Ich habe heute sehr gut angefangen, auch wenn ich am Ende diesmal nicht gewonnen habe. Patrick Franziska war hier ganz verdient der Führungsspieler in unserem Team und hat heute zwei tolle Matches hingelegt. Er hat seine tolle Form heute im Finale unter Beweis gestellt. Der Europameister-Titel fühlt sich unglaublich toll an, auch ohne heute einen Punkt beigesteuert zu haben.“

Franziska und Qiu in Bedrängnis

Gegen Lev Katsman geriet Europe-Top-16-Sieger Patrick Franziska von Beginn an unter Druck, war mit 0:1- und 1:2 in Satzrückstand, bevor er das Match zu seinen Gunsten wenden konnte. Ähnlich erging es an Position drei Dang Qiu, der gegen den Matchwinner im Viertelfinale gegen Österreich im Abschlusseinzel, Vladimir Sidorenko, Durchgang eins verlor und im Dritten einen Satzball abwehren musste, bevor er mit 11:8 im vierten Satz den zweiten Punkt für Team Deutschland holte. Dang Qiu: „Mein Einzel im Finale war natürlich ein wichtiges und ich bin froh, gewonnen zu haben. Aber wir sollten die Leistung gar nicht auf das Finale beschränken. Alle Einzel bei dieser EM waren wichtig, und alle in der Mannschaft haben wichtige Spiele gewonnen und ihren Beitrag geleistet. Benne hat bei dieser EM ganz oft den Einser der Gegner gebreakt und war auch heute wieder kurz davor. Besonders Benne und ich konnten dadurch, dass wir diesmal voll im Team standen, wichtige Erfahrungen sammeln. Das wir den Titel diesmal eigenständig ohne Dima und Timo gewonnen haben ist natürlich wichtig für unsere Weiterentwicklung und gibt uns auch Selbstvertrauen.“

Im vierten Einzel gegen Grebnev stand es im ersten Satz 8:10 gegen Patrick Franziska, den dritten verlor er knapp und den vierten chancenlos gegen den druckvollen und unbändigen Ansturm des jungen Russen. Satz fünf war umkämpft bis zum Schluss mit teilweise unglaublichen Rallyes, in denen der russische Teenager jedes Tempo mitgehen konnte. Den ersten Matchball Franziskas bei 10:9 wehrte er mit einer mutigen Rückhand-Banane parallel ab, als sei es der Spielbeginn. Beim zweiten pfefferte er aus der Rückhandseite diagonal mit der Vorhand in Franziskas Rückhand, und brüllte beim eigenen Punktgewinn zum 12:11 die halbe BT Arena zusammen. Nach einer Rückhand-Schlacht dann der dritte Matchball für den Olympia-Dritten von Tokio mit der Mannschaft, Franziska. Maksim Grebnev verzog den Vorhand-Topspin aus der umlaufenen Rückhand auf den Aufschlag Franziskas. Der Führungsspieler der Deutschen wollte anschließend seine Leistung nicht in den Mittelpunkt rücken: „Wir sind jetzt glücklich, dass wir Europameister sind. Ich habe heute zwar sehr gut gespielt, aber der Titel ist ein Sieg der gesamten Mannschaft. Wir hatten einfach ein tolles Team. Die drei, die gespielt haben, genauso wie auf der Bank Ruwen Filus und Kay Stumper, die uns unglaublich angefeuert haben. Das war gegen diese Russen auch nötig. Sie haben sehr stark gespielt und sind sicher eines der kommenden Teams in Europa.“

Die kommenden großen Konkurrenten: Russlands Youngsters-Trio

Ruwen Filus kam als Schnellster zum Gratulieren bei einem erleichterten Patrick Franziska an, bevor auch die übrigen Mitglieder des Roßkopf-Teams den Centercourt für die Art von hüpfender Jubeltraube stürmten, die die deutschen Damen drei Stunden zuvor auf gleiche Weise zelebriert hatten.

Dieser neunte Titel in 14 Jahren ist keine Selbstverständlichkeit für die Nation, die bei den Herren als die „Chinesen Europas“ gilt. Das mutige Experiment, die Vorbereitung eines Generationswechsels, der noch immer in der Ferne liegt, ist in Cluj-Napoca gelungen. Aber auch die künftigen Kontrahenten haben gezeigt, wozu sie bereits jetzt spielerisch und mental im Stande sind.

Die zweimal 19 und einmal 20 Jahre jungen Russen, alle in Diensten von TTBL-Klubs – Grebnev in Bad Königshofen, Katsman und Sidorenko in Neu-Ulm – spielten auch im Finale siegeshungrig und unbekümmert auf, ließen sich weder von großen Namen noch viel Erfahrung auf der Gegenseite verunsichern. So hatten sie die Vorrunde überstanden, im Viertelfinale Österreich nach Matchbällen gegen sich noch geschlagen und in der Vorschlussrunde die an Position zwei gesetzten Schweden eliminiert. Das Team der Zukunft aus Russland wird noch von sich hören lassen. Gegen Deutschland muss es sich diesmal jedoch mit der Silbermedaille begnügen.

Jörg Roßkopf: „Die Russen waren sehr sehr stark, aber wir waren noch stärker“

Herren-Bundestrainer Jörg Roßkopf war stolz auf sein Team: „Es war ein sehr enges Finale. Das hatten so wir auch erwartet. Russen haben sehr stark gespielt, unglaublich gekämpft und uns voll gefordert. Das war ein sehr wichtiges Spiel für uns, und unsere Jungs haben geliefert und sind Europameister geworden. Genau das wollen wir von Ihnen sehen, dass sie in brenzligen Situationen ihr bestes Tischtennis spielen. Wenn Timo und Dima spielen, bekommen sie die Chancen nicht so oft, aber hier haben sie diese genutzt. Patrick hat als Kapitän dann am Ende das Spiel zugemacht. Das gibt ihm noch mehr Selbstvertrauen als er ohnehin schon von Olympia mitgebracht hat. Es ist genau das, was wir wollen und brauchen: Dass unsere Spieler herangeführt werden an solch bedeutenden Spiele, und das war heute eines davon: Ein ganz großes Finale mit sehr sehr starken Russen, aber wir waren noch stärker.“

Herren-Finale, Sonntag, 3. Oktober, 15.30 Uhr MESZ
Deutschland – Russland 3:1
Benedikt Duda – Maksim Grebnev 2:3 (3,4,-7,-8,-10)
Patrick Franziska – Lev Katsman 3:2 (-7,4,-11,6,6)
Dang Qiu – Vladimir Sidorenko 3:1 (-9,6,10,8)
Franziska – Grebnev 3:2 (11,5,-9,-3,13)

Text: DTTB
Bild: ETTU