EM 2018: Medaillen erwünscht, doch Timo und Dima zurückhaltend

Kommenden Dienstag beginnt die Einzel-EM im spanischen Alicante. Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov sind als Weltranglistenvierter bzw. -fünfter nach wie vor die besten Nicht-Chinesen überhaupt. Dennoch bevorzugen beide kurz vor den kontinentalen Titelkämpfen leise Töne.

Man blickt dem Topturnier an der Costa Blanca eher mit gedämpften Erwartungen entgegen. „Ich bin nicht da, wo ich sein möchte", sagte der in Spanien topgesetzte Rekordeuropameister Boll auf der Nominierungspressekonferenz des DTTB in Düsseldorf. Der Odenwälder kurierte gerade über mehrere Wochen Nackenprobleme aus und fühlt sich noch nicht wieder topfit. 

Auch Weltcupsieger Ovtcharov zeigte sich bestrebt, allzu hohe Erwartungen im Vorfeld zu dämpfen: "Ich bin nach meiner Verletzung extrem froh, überhaupt wieder ein höheres Level zu haben." Ovtcharov versucht derzeit, sich nach einem im Februar erlittenen Stressödem im Oberschenkelhals wieder an die Spitze heranzuarbeiten. Dass dies ein langwieriger Prozess wird und nicht von heute auf morgen funktioniert, zeigten diverse World-Tour-Turniere im Sommer, bei denen „Dima“ eher mäßigen Erfolg hatte. 

Weder er noch der 37-jährige Boll reden in diesen Tagen vom Europameistertitel, der trotz aller Handikaps so abwegig natürlich nicht ist, vermutlich auch, um sich nicht über Gebühr unter Druck zu setzen. 

Bundestrainer Jörg Roßkopf hält dennoch große Stücke auf sein EM-Aufgebot, dem neben den beiden Ausnahmespielern der in den letzten Wochen überragende Patrick Franziska, der - wie immer - wechselhaft agierende Ricardo Walther sowie der sich langsam aber konstant verbessernde Benedikt Duda angehören. Der Verzicht auf den in der Bundesliga zuletzt überragenden Bastian Steger ist Roßkopf gewiss nicht leicht gefallen – es riecht förmlich nach einer „Millimeter-Entscheidung“ zu Ungunsten des 37-Jährigen. Enttäuscht sein wird vermutlich auch Fuldas Defensivkünstler Ruwen Filus, der – obwohl Weltranglisten-19. – nur im Doppel und Mixed ran darf. 

„Rossi“ traut dem nominierten Sextett jedenfalls ein erfolgreiches Turnier in Einzel, Doppel und Mixed zu und gibt die Devise aus: "Wir wollen in jedem Wettbewerb aufs Treppchen." 

Franziska tritt natürlich mit seinem Lieblingspartner Jonathan Groth im Doppel an – schließlich geht die deutsch-dänische Kombination in Alicante als Titelverteidiger an den Start und ist in vielen World-Tour-Turnieren erprobt. Die Chancen dieses Duos auf Gold scheinen derzeit sogar höher zu liegen als die von Boll und Ovtcharov im Einzel – zumindest wenn man die Aussagen der beiden Tischtennis-Giganten auf die Goldwaage legt.

Das Damen-Aufgebot des DTTB kann einen Tick unbeschwerter aufspielen, da die Messlatte nicht ganz so hoch liegt. "Es wäre schön, wenn wir Medaillen gewinnen könnten", gibt Sportdirektor Richard Prause eher moderat zu Protokoll.

In Spanien will Sabine Winter mit Petrissa Solja ihren 2016 in Budapest gemeinsam mit Kristin Lang (damals noch Silbereisen) gewonnenen Doppel-Titel erfolgreich verteidigen. Lang indes spielt zusammen mit der Neu-Berlinerin Nina Mittelham – eine Kombination, der man ebenfalls etwas zutrauen darf.

Eine Hoffnungsträgerin für das Einzelturnier ist Defensivspielerin Han Ying, die als 39. derzeit sicher in der Weltrangliste unterbewertet ist. Aber auch Sabine Winter (WRL 46) zeigte sich zuletzt in Topform, ebenso wie die nach Langstadt gewechselte Petrissa Solja (WRL 49) wieder im Aufwind zu sein scheint. Auch Nina Mittelham (WRL 54), nun für berlin eastside am Ball, darf sich durchaus ausrechnen, weit zu kommen. Und Kristin Lang, aufgrund ihrer Schwangerschaftspause bis auf Platz 193 des ITTF-Rankings (Mai 2018) zurückgefallen, ist eindeutig im Kommen und hat sich bereits wieder auf Rang 139 vorgearbeitet. Sehr bald dürfte sie wieder in den TOP 100 zu finden sein und mittelfristig in den TOP 70.

Dem kompletten Damen-Quintett des Deutschen Tischtennis-Bundes ist in Alicante etwa zuzutrauen. Übermächtige oder gar unschlagbare Konkurrentinnen sind eigentlich nicht in Sicht. Tagesform, die richtige Fokussierung und, wie immer, das berühmt-berüchtigte Quäntchen Glück werden den Ausschlag geben. Die EM könnte für die Asse des DTTB im männlichen und weiblichen Bereich besser laufen, als es sich viele derzeit ausmalen.

 

Das deutsche Aufgebot für Alicante (18.-23.09.)

Herren
Timo Boll (Borussia Düsseldorf, Weltrangliste: 4)
Dimitrij Ovtcharov (Fakel Gazprom Orenburg, Weltrangliste: 5)
Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken TT, Weltrangliste: 16)
Ricardo Walther (ASV Grünwettersbach, Weltrangliste: 46)
Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt, Weltrangliste: 50)
Ruwen Filus (RhönSprudel Fulda-Maberzell, Weltrangliste: 19)

Einzel: Boll, Ovtcharov, Franziska, Walther, Duda
Doppel: Franziska/Jonathan Groth DEN, Filus/Walther


Damen
Han Ying (KTS Zamek Tarnobrzeg, Weltrangliste: 39)
Sabine Winter (SV DJK Kolbermoor, Weltrangliste: 46)
Petrissa Solja (TSV Langstadt, Weltrangliste: 49)
Nina Mittelham (ttc berlin eastside, Weltrangliste: 54)
Kristin Lang (SV DJK Kolbermoor, Weltrangliste: 139)

Einzel: Han, Winter, Solja, Mittelham, Lang
Doppel: Solja/Winter, Lang/Mittelham 

Mixed: Franziska/Solja, Filus/Han

 

Text & Fotos (2): Dr. Stephan Roscher