„Atemberaubender Wille“ – Ochsenhausen steht im Finale

Nach exakt 184 Minuten war es vollbracht. Simon Gauzy hatte um 21.04 Uhr seinen zweiten Matchball gegen Wang Xi verwandelt und damit den Ochsenhausener 3:1-Sieg im Play-off-Rückspiel in Fulda eingetütet – schon das Hinspiel war mit 3:1 gewonnen worden.

Trotz einiger enger Matches waren es insgesamt zwei starke, souveräne und überzeugende Auftritte der Oberschwaben. Zum ersten Mal seit 2013 stehen die TTF wieder im Finale um die Deutsche Meisterschaft. Dreimal konnten die Ochsenhausener den Meistertitel erringen, nämlich in den Jahren 1997, 2000, 2004. Könnte 14 Jahre nach dem letzten Triumph der große Coup gelingen? Davon darf nun wenigstens geträumt werden – sechs Wochen lang bis zum großen Showdown in Frankfurt, der am 26. Mai steigt.

Der Gegner wird vermutlich Borussia Düsseldorf heißen, sofern der Rekordmeister morgen oder eine Woche später gegen Saarbrücken den Sack zumacht, womit eigentlich alle rechnen. Und dass die TTF gegen Düsseldorf nicht chancenlos sind, haben sie zuletzt in der Champions League gezeigt, wo sie dem „FC Bayern des Tischtennissports“ auf Augenhöhe begegneten und sehr unglücklich in der Addition beider Spieler aufgrund der Bälle den Kürzeren zogen.

Nach dem Einzug in das Liebherr Pokal-Finale und das Halbfinale der europäischen Königsklasse ist den TTF heute mit dem Sprung ins Meisterschafts-Endspiel zweifellos der größte Erfolg der letzten fünf Jahre gelungen – 2013 stand man zuletzt im Frankfurter Finale um den nationalen Titel und unterlag damals dem SV Werder Bremen.

Diesmal setzte man sich recht souverän gegen die Mannschaft durch, die letzte Saison in derselben Besetzung noch der Ochsenhausener Angstgegner war. Die jungen Gipfelstürmer von Dubravko Skoric haben offensichtlich also dazugelernt und sich weiterentwickelt.

Hugo Calderano dreht das Match gegen Wang Xi

Eine kleine Vorentscheidung brachte schon das erste Match. Hugo Calderano, dessen Einsatz am Nachmittag wegen Hüftproblemen noch nicht sicher war, stand gegen Fuldas Spitzenspieler Wang Xi zunächst mit dem Rücken zur Wand, verlor den ersten Satz mit 15:17 in der Verlängerung, den zweiten mit 8:11 und hatte im dritten Durchgang bei 9:10 einen Matchball gegen sich. Doch er gewann den Satz noch und hatte auch in den beiden nachfolgenden Durchgängen die Nase vorne, wobei er im Entscheidungssatz aus einem 7:9-Rückstand ein 11:9 machte. Damit war den Osthessen schon einmal ein Zahn gezogen, die mitsamt ihren 500 Fans darauf gesetzt hatten, vorzulegen und die TTF unter Druck zu setzen.

Simon Gauzy lässt nichts anbrennen

Stattdessen war der Druck auf den Gastgeber größer geworden. Noch mehr nach dem zweiten Match, das Simon Gauzy gegen Ruwen Filus, den zweiten Defensivkünstler im Dress der Hessen, trotz eines unglücklich mit 13:15 verlorenen zweiten Satzes am Ende doch souverän mit 3:1 gewann. Nachdem Filus letzte Saison serienweise die jungen Oberschwaben geschlagen hatte, scheinen sie inzwischen verstanden zu haben, wie man gegen den deutschen Nationalspieler und aktuellen Weltranglisten-21. spielen muss. In Zahlen ausgedrückt: 2016/17 spielte Filus gegen Ochsenhausen 7:0, 2017/18 lautet seine TTF-Bilanz 1:6.

Jetzt lastete reichlich Druck auf den Schultern des letztjährigen Meisterschaftsfinalisten, der dicht vor dem K.o. stand. Doch schließlich hatte Maberzell noch einen Jonathan Groth, der in den letzten Monaten bärenstark war und den viele eigentlich an Position eins oder zwei erwartet hatten. Gegen den im Hinspiel gegen Filus so überzeugenden Joao Geraldo, dem Dubravko Skoric den Vorzug vor Jakub Dyjas und Yuto Muramatsu gegeben hatte, war der Däne in seinem letzten Match für Fulda-Maberzell jederzeit Chef im Ring und gewann ungefährdet in drei Sätzen.

Würde Fulda nun noch einmal Oberwasser bekommen? Aber das ließ der vorzüglich aufgelegte Simon Gauzy nicht zu, der schon im Hinspiel mit Siegen über Wang und Filus geglänzt hatte. Der 23-jährige Franzose ließ gegen Fuldas Nummer eins eigentlich nie einen Zweifel aufkommen, wer den Tisch als Sieger verlassen würde, auch wenn der hagere Deutsch-Chinese zwischenzeitlich zum 1:1 ausgleichen konnte. Doch danach hatte Gauzy die Sache wieder gut im Griff und siegte mit 11:7, 8:11, 11:8 und 11:7 – das Finale war erreicht und man hörte in der Halle nur noch die rund 20 mitgereisten Ochsenhausener Schlachtenbummler sowie freudig erregte TTF-Spieler.

Pejinovic: „Ich bin stolz auf die Jungs!“

„Das war einwandfrei, ich bin stolz auf die Jungs, wie sie das durchgekämpft haben“, so ein glücklicher Kristijan Pejinovic. „Der Wille, den etwa Hugo heute wieder gezeigt hat, obwohl er leicht angeschlagen war, war atemberaubend. Und über Simons Leistung brauchen wir eigentlich kein Wort zu verlieren – das war spitze und souverän.“ Der TTF-Präsident zeigte sich überaus erleichtert: „Jetzt fahren wir gemütlich heim und sind stolz auf das, was wir geschafft haben. Und morgen schauen wir uns ganz entspannt das Düsseldorf-Spiel im Livestream an.“ Allerdings ist – bei aller Freude – erst ein Zwischenziel erreicht. „Nun fahren wir nach Frankfurt, um uns den Titel zu holen“, ließ Pejinovic keinen Zweifel aufkommen, dass die TTF keineswegs vorhaben, im Finale brav den Sparringspartner für einen weiteren Düsseldorfer Triumph zu spielen.

Gauzy und Calderano freuen sich über die Teamleistung

Simon Gauzy wollte den Play-off-Triumph der TTF gar nicht so sehr auf seine eigenen Leistungen zuspitzen. „Wir haben als Team zwei tolle Spiele gegen Fulda gemacht und haben uns selbst belohnt“, so der Weltranglisten-Zehnte. „Im ersten Spiel war der tolle Sieg von Joao über Filus für uns ungemein wichtig, heute war mit entscheidend, dass Hugo das schwierige erste Match noch umgebogen hat.“ Gauzy rechnet sich durchaus Chancen für das Finale aus und geht davon aus, dass der Gegner Düsseldorf heißt: „Klar haben wir eine Chance in Frankfurt. Wir werden uns sehr gut vorbereiten und wissen, dass wir auch Düsseldorf packen können, auch wenn sie eine sehr, sehr gute Mannschaft haben.“

Hugo Calderano gab das Lob gerne zurück. „Simon hat in beiden Spielen grandios gespielt“, so der 21-jährige Brasilianer. „Überhaupt waren wir sehr gut vorbereitet und haben auch heute wieder als Mannschaft eine gute Leistung gezeigt.“ Natürlich sei es sehr wichtig gewesen, mit einem Sieg in der Tasche nach Fulda zu fahren. „Sie hatten heute mehr Druck als wir und wir haben uns nicht aus der Ruhe bringen lassen“, sagte Calderano. Auch der Weltranglisten-Zwölfte rechnet sich etwas für Frankfurt aus – und auch er glaubt, dass Düsseldorf der Finalgegner sein wird: „Natürlich ist Düsseldorf eine Top-Mannschaft und schwer zu besiegen, aber wir haben sie in dieser Saison schon geschlagen, besitzen viel Selbstvertrauen und haben mittlerweile das Niveau, auch ein solches Finale gewinnen zu können.“

Fulda-Maberzell trägt es mit Fassung

"Wir hätten natürlich gerne noch einmal gespielt. Aber Ochsenhausen war in beiden Spielen den Tick besser, besonders Gauzy war sehr gut", resümierte TTC-Präsident Frauenholz. Und Vereins-Vize Claus-Dieter Schad sagte: "Wir wollten in die Play-Offs und das haben wir erreicht. Die Runde lief trotzdem für uns zufriedenstellend." Schad betonte: "Wir greifen im neuen Jahr wieder an."


TTC RhönSprudel Fulda-Maberzell – TTF Liebherr Ochsenhausen 1:3

Wang Xi – Hugo Calderano 2:3 (17:15, 11:8, 10:12, 8:11, 9:11)

Ruwen Filus – Simon Gauzy 1:3 (8:11, 15:13, 9:11, 6:11)

Jonathan Groth – Joao Geraldo 3:0 (11:4, 11:8, 11:7)

Wang Xi – Simon Gauzy 1:3 (7:11, 11:8, 8:11, 7:11)

 

Text & Foto: Dr. Stephan Roscher